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Cut-off

Ein Cut-off ist eine vereinbarte Entscheidungsgrenze: der Konzentrationswert, ab dem ein Laborbefund als auffällig bewertet wird. Er sagt nichts darüber aus, wie wenig ein Gerät noch messen kann – das leisten Nachweisgrenze und Bestimmungsgrenze. Cut-offs werden von Fachgesellschaften und Regelwerken festgelegt, sie unterscheiden sich je nach Matrix und Land, und sie können geändert werden.

Eine Vereinbarung, keine Messeigenschaft des Geräts

Wer einen Laborbefund zum ersten Mal liest, hält den Cut-off oft für eine technische Schwelle: unterhalb sei nichts messbar, oberhalb sei etwas gefunden worden. Das ist nicht richtig. Moderne Verfahren messen weit unterhalb der meisten Cut-offs. Bei Ethylglucuronid im Haar liegt die Entscheidungsgrenze bei 5 pg/mg, während als angestrebte Methodensensitivität eine Bestimmungsgrenze unter 1 pg/mg gilt. Ein Labor kann also sehr wohl 2 pg/mg zuverlässig ermitteln – dieser Wert wird aber nicht als Auffälligkeit bewertet.

Der Cut-off ist damit eine Bewertungsregel, die zwei Fehlerarten gegeneinander abwägt: Er soll verhindern, dass unbeabsichtigte Spuren, Umgebungseinträge oder analytisches Rauschen als Konsum gedeutet werden, und er soll gleichzeitig echten Konsum nicht durchlassen. Wo diese Linie gezogen wird, ist eine fachliche Entscheidung von Gremien – und deshalb diskutier- und korrigierbar.

Welche Werte in welcher Matrix gelten

Die folgende Übersicht zeigt, wie unterschiedlich die Zahlenwelt je nach Untersuchungsmaterial aussieht. Haarwerte stehen in Pikogramm pro Milligramm Haar, Urin- und Blutwerte in Nanogramm pro Milliliter – ein Vergleich der reinen Zahlen über die Matrix hinweg ist daher sinnlos.

Analyt / Matrix Wert Regelwerk
Ethylglucuronid, Haar (proximal, 3 cm) 5 pg/mg SoHT 2019, deutsche MPU-Praxis
THC, Haar 50 pg/mg SoHT-Konsenspapier 2021
THC-COOH, Haar kein Cut-off, nur LOQ höchstens 0,2 pg/mg SoHT-Konsenspapier 2021
Kokain, Haar 500 pg/mg SoHT-Konsenspapier 2021
Morphin, Codein, Haar 200 pg/mg SoHT-Konsenspapier 2021
Morphin, Haar 100 pg/mg deutsche CTU-Praxis
Amphetamine, Haar 200 bzw. 100 pg/mg SoHT 2021 bzw. deutsche CTU-Praxis
Benzoylecgonin, Haar 20 pg/mg schweizerische SGRM-Liste 2024
Benzodiazepine, Haar 50 pg/mg deutsche CTU-Praxis
Buprenorphin, Haar 10 pg/mg SoHT 2021 und SGRM 2024
Ethylglucuronid, Urin 100 ng/ml deutsche CTU-Praxis
THC-COOH, Urin (Bestätigung) 7,5 ng/ml deutsche CTU-Praxis
Morphin, Urin (Bestätigung) 25 ng/ml deutsche CTU-Praxis
Phosphatidylethanol, Vollblut 20 ng/ml deutsche CTU-Praxis

Ein Detail dieser Tabelle ist besonders lehrreich: Für THC-Carbonsäure im Haar gibt es überhaupt keinen Cut-off. Gefordert ist nur, dass das Labor bis 0,2 pg/mg quantifizieren kann. Jeder sichere Nachweis wird hier fachlich gewürdigt, weil dieser Metabolit im Haar kaum eingelagert wird und sein Auftreten als Hinweis auf tatsächliche Aufnahme gilt.

Vier Regelwerke, vier Zahlen – und die deutsche ist oft die strengere

Wer im Netz recherchiert, stößt auf widersprüchliche Werte. Das liegt daran, dass mehrere Gremien parallel Empfehlungen veröffentlichen: das Konsenspapier der Society of Hair Testing von 2021 für Haaranalysen, die schweizerische SGRM-Liste von 2024, die deutsche Praxis nach den CTU-Kriterien und – in Foren gern zitiert – der US-Bundesstandard für Arbeitsplatztests. Alle vier verfolgen unterschiedliche Zwecke: Abstinenzkontrolle im Fahrerlaubnisrecht ist etwas anderes als eine arbeitsrechtliche Vortestung.

Der Vergleich fällt regelmäßig zulasten der Betroffenen aus, weil die deutschen Werte niedriger, also strenger sind. Morphin im Urin wird nach deutschen CTU-Kriterien ab 25 ng/ml bestätigt, im US-Bundesstandard erst ab 2.000 ng/ml. THC-COOH liegt bei 7,5 gegenüber 15 ng/ml, also bei der Hälfte. Im Haar setzt die deutsche Praxis Morphin bei 100 statt bei 200 pg/mg an. Wer eine beruhigende amerikanische Zahl liest und daraus Sicherheit ableitet, verrechnet sich deshalb systematisch.

5 oder 7 Pikogramm? Warum Cut-offs sinken können

Cut-offs sind nicht für die Ewigkeit gesetzt. Der bekannteste deutsche Fall ist Ethylglucuronid im Haar: Bis einschließlich der 3. Auflage der Beurteilungskriterien galt ein Wert von 7 pg/mg; mit der 4. Auflage von 2022 wurde er ausdrücklich auf 5 pg/mg herabgesetzt. Dieser Wert gilt weiter. Steht auf einer Webseite undatiert die Zahl 7 pg/mg, ist das ein zuverlässiges Zeichen für veralteten Inhalt – die 7 stammt aus älteren internationalen Empfehlungen und aus der schweizerischen Richtlinie von 2017.

Praktisch bedeutet das: Ein Befund muss immer gegen den Cut-off gelesen werden, der zum Zeitpunkt der Analyse galt und den das Labor im Bericht ausweist. Wer alte Zahlen zugrunde legt, schätzt seine Lage falsch ein – in beide Richtungen.

Der Cut-off allein entscheidet nicht: die Rolle der Messunsicherheit

Jeder Messwert trägt einen Streubereich. Für die Haaranalytik sind rund 30 Prozent harmonisiert. Ein Ergebnis von 5,5 pg/mg Ethylglucuronid ist deshalb kein sauber überschrittener Grenzwert, sondern ein Wert, dessen Unsicherheitsbereich den Cut-off einschließt. Fachlich gilt, dass die Messunsicherheit bei Entscheidungen an der Grenze zugunsten der betroffenen Person zu berücksichtigen ist. Wie das im Einzelfall gewertet wird, obliegt der sachverständigen Interpretation; eine Automatik „Wert über Cut-off gleich Programmende“ gibt es nicht.

Hinzu kommt die Segmentregel: Die Haar-Cut-offs des Konsenspapiers gelten für Segmente von höchstens 3 cm. Wird ein längeres Segment untersucht, muss die Verdünnung eines kurzen Konsumzeitraums über eine lange Haarstrecke mitbedacht werden. Deshalb ist die Segmentanalyse für die Bewertung so wichtig.

Häufige Fragen

Ist der Cut-off dasselbe wie die Nachweisgrenze?

Nein. Der Cut-off ist eine vereinbarte Bewertungsschwelle, die Nachweisgrenze eine Eigenschaft des Analysenverfahrens. Bei THC-Carbonsäure im Haar liegen sie rund drei Größenordnungen auseinander: 0,02 pg/mg als publizierte Nachweisgrenze gegenüber einem THC-Cut-off von 50 pg/mg.

Warum steht im Befund ein Wert, obwohl er unter dem Cut-off liegt?

Weil das Verfahren empfindlicher ist als die Entscheidungsgrenze. Ein Zahlenwert unterhalb des Cut-offs wird im Befund transparent berichtet, aber nicht als Auffälligkeit bewertet. Genau dafür muss die Bestimmungsgrenze unter dem Cut-off liegen.

Bedeutet ein Wert knapp über dem Cut-off automatisch das Programmende?

Nicht automatisch. Grenznähe Ergebnisse werden unter Berücksichtigung der Messunsicherheit von rund 30 Prozent und der Umstände der Probenahme gewertet. Die Entscheidung trifft die begutachtende Stelle, nicht das Analysengerät.

Gilt derselbe Cut-off für Körperhaar wie für Kopfhaar?

Nein. Der Ethylglucuronid-Cut-off ist ausdrücklich nicht auf Achsel- und Schamhaar übertragbar; Achselhaar ist für den Alkoholabstinenznachweis ausgeschlossen. Die Werte des Konsenspapiers beziehen sich auf kopfhautnahes Kopfhaar.

Verwandte Begriffe

  • Nachweisgrenze – die technische Untergrenze des Verfahrens, oft weit unter dem Cut-off
  • Bestimmungsgrenze – muss unter dem Cut-off liegen, damit eine Entscheidung tragfähig ist
  • Messunsicherheit – entscheidet mit, wie ein grenznaher Wert zu lesen ist
  • Bestätigungsanalyse – erst hier gilt der Bestätigungs-Cut-off, nicht schon im Screening
  • Ethylglucuronid – das Beispiel für eine Cut-off-Absenkung von 7 auf 5 pg/mg
  • CTU 3 – regelt Cut-offs und Bestimmungsgrenzen für die toxikologische Analyse

Dieser Text dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Rechts- oder MPU-Beratung.

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